Auf die Frage „Was wünschst du dir für dein Liebesleben?“ bekomme ich oft die Antwort: „Eine Beziehung auf Augenhöhe“.

Die Frage „Was ist für dich die größte Herausforderung in deinem Liebesleben?“ wird oft mit „Mich emotional frei zu fühlen und mich selbst lieben zu können“ beantwortet.

Beide Antworten sind wie Gegenpole. Wenn ich emotional unfrei bin und mich selbst nicht lieben kann, ist eine Beziehung auf Augenhöhe schwierig bzw. nicht möglich.

Wenn ich in einer Beziehung auf Augenhöhe bin, liebe ich mich selbst und bin emotional frei.

Das eine bedingt das andere.

Doch was ist denn eine Beziehung auf Augenhöhe eigentlich?

Ich mag da als Orientierung sehr gerne das Bild der liegenden Acht. Ganz links außen ist das Ich und ganz rechts außen das Du und in der Mitte, wo sich die Linie kreuzt, ist das Wir. Es gibt einen gemeinsamen Weg zum Wir und einen eigenen Weg zum Ich und zum Du, ohne dass es eine Unterbrechung gibt.

In der Psychologie nennt man das Interdependenz, also gegenseitige, sich befruchtende Abhängigkeit, ist da meine Übersetzung des Fachwortes.

Oder anders ausgedrückt: In der Beziehung auf Augenhöhe beziehen wir uns aufeinander, ohne voneinander abhängig zu sein.

Es geht vom Ich zum Du zum Wir und wieder zurück.

Der Startpunkt ist also für beide das eigene Ich, von dem aus ich dem anderen begegnen möchte.

Damit sind wir auch schon bei der ersten und wenn nicht größten Herausforderung, die den Wunsch nach einer Beziehung auf Augenhöhe mit sich bringt – nämlich die Frage: Wer bin ICH?

Das ist eine große Frage, auf die es wichtig ist, Antworten zu finden. Sowie so und vor allem auch, wenn du eine Beziehung auf Augenhöhe führen möchtest.

In meinen Coaching Kursen arbeite ich da mit dem „Selbstbild als Frau in einer erfüllten Liebesbeziehung“. Hier bekommen die Teilnehmerinnen die Anleitung, von außen auf sich schauen zu können, um herauszufinden, wie sie sein wollen.

So finden sie heraus, wie sie sich mit sich selbst erleben wollen und wie sie sich im Kontakt mit einem Mann erleben wollen. Das ist keine intellektuelle Leistung, die sie da erbringen. Es geht bei der Übung darum, es zu erleben und zu erfühlen.

Was da passiert ist, dass sie beginnen mit sich selbst eine Beziehung auf Augenhöhe zu führen. Das ist daran zu erkennen, dass sie aufhören, sich selbst zu verurteilen. Sie geben negativen Glaubenssätzen keinen Raum mehr und ersetzen sie durch dienliche Überzeugungen. Sie wenden sich liebevoll ihrem Inneren Kind zu und machen damit die Erfahrung, Liebe in sich selbst zu spüren.

Diese Liebe schließt ein, dass sie sich erlauben traurig und wütend zu sein, über das, was sie erlebt haben, sei es in der Kindheit oder in der Gegenwart mit dem aktuellen Mann. Ebenso finden sie den Weg in ihre Freude und Leichtigkeit.

Liebe zu dir selbst zu spüren, heißt, dass du dir deine Gefühle erlaubst zu fühlen, welche auch immer gerade da sind. Sie alle haben eine Berechtigung und wollen gesehen und gefühlt werden. So erst kann überhaupt ein Selbstgefühl, ein Gefühl für „Das bin ICH“ entstehen. Heißt also, die Frauen stärken im Coaching ihre Position am äußeren Rand von der liegenden Acht – sie stärken ihr Ich.

Wenn dir nun der andere begegnet in der Beziehung auf Augenhöhe, dann weißt du aus deinem Selbstbild und Selbstgefühl heraus, was du in der Beziehung willst und was nicht und was dir gut tut und was nicht.

Und jetzt kommt das wesentliche Merkmal einer Beziehung auf Augenhöhe:

Du kannst das dem anderen sagen.

Es geht hier an dieser Stelle noch nicht darum, was mit dem anderen dann ist. Es geht hier um dich. Du kannst das sagen, OHNE Angst haben zu müssen, verletzt, verlassen, ausgelacht, nicht ernstgenommen zu werden o.ä., weil du bei dir bist und fühlst, was gerade in dir los ist. Du erlaubst dir, das dem anderen mitzuteilen und nicht etwa ihm Vorwürfe zu machen.

Das könnte dann z.B. so aussehen:

Nehmen wir an, der andere sagt in barschem Ton zu dir: „Man, jetzt beeile dich doch mal, wir kommen sonst zu spät.“ Vorher war alles noch lustig zwischen euch und durch den plötzlichen barschen Ton fühlst du dich vor den Kopf gestoßen.

Wenn du mit dem anderen auf Augenhöhe sein willst, dann ist jetzt der allererste Schritt, bei dir selbst zu schauen. Manchmal geht das nicht. Da sind wir dann so erschrocken, dass wir gleich zurück pfeffern und ein „Brüll mich nicht so an!“ entgegensetzen. Das macht nichts. Nachher ist immer noch genug Zeit, um zu schauen, was eigentlich los ist.

Die Frage, die du dir dann stellst ist: “Warum fühle ich mich vor den Kopf gestoßen?” Und nicht etwa: “Warum stößt er mir so vor den Kopf?”

Dadurch, dass du die Frage auf dich beziehst, bleibst du bei dir und übernimmst Verantwortung für deine Gefühle. Jetzt kannst du auf den anderen zugehen, dich also hin zum Wir begeben und sagen:

„Wenn du mich so anbrüllst, fühle ich mich vor den Kopf gestoßen und dann brülle ich zurück.“

Der andere fühlt sich nicht angegriffen, denn du teilst ihm mit, was DU erlebst im Kontakt mit ihm und nicht, was ER dir angetan hat.

Wenn der andere ebenso auf Augenhöhe ist oder sein will, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass er sich dir nun auch offenbart. Vielleicht sagt er dann sowas wie: „Es tut mir leid, dass du dich vor den Kopf gestoßen fühlst. Mir wäre das peinlich gewesen, wenn wir als letzte da aufgetaucht wären.“

Du erfährst also etwas über ihn, und zwar, dass sein Brüllen nichts mit dir zu tun hat. Jetzt seid ihr im Wir.

Du denkst vielleicht: „Oh man, da muss ich aber auf Zack sein und feine Antennen haben, um das alles so reif und erwachsen gestalten zu können.“

Nein, musst du nicht.

In einer Beziehung auf Augenhöhe können sich auch zwei verletzte Kinder begegnen, die bedürftig nach Aufmerksamkeit schreien. Der Ablauf ist derselbe.

Nehmen wir folgende Situation:

Da ist ein Mann in deinem Leben, du hast was mit ihm angefangen, aber er lässt sich nicht wirklich auf dich ein. Mal meldet er sich, mal nicht und du hast das Gefühl, am langen Arm emotional zu verhungern. Du fühlst dich also emotional total abhängig. Das wiederum ist ein Zeichen für en aktives verletztes Inneres Kind.

Wenn du dir mit dem Mann eine Begegnung auf Augenhöhe wünschst, statt emotional zu verhungern, dann betrittst DU zuerst die Ebene der Augenhöhe. „Go first“, nennt Byron Katie das auch. Gib du zuerst, was du gerne haben möchtest und dann schau, was passiert.

Die Frage, die du dir hier als erstes stellen solltest ist: „Was macht das mit mir, dass der sich mal meldet und mal nicht?“ Statt: „Warum meldet der sich mal und dann mal wieder nicht?“

Dadurch, dass du dich fragst, was es mit DIR macht, bleibst du bei dir und übernimmst wieder Verantwortung für deine Gefühle, sprich du wendest dich dem Inneren Kind zu. Vielleicht ist dann die Antwort: „Ich fühle mich verarscht von ihm.“

Wenn du möchtest, dass das Hin und Her mit ihm aufhört, kannst du ihm genau das jetzt mitteilen und ihm somit auf der Ebene der Augenhöhe begegnen. Du kannst also sagen oder schreiben:

„Wenn du dich mal meldest und mal nicht, fühle ich mich verarscht von dir und dann will ich, dass das Hin und Her aufhört.“

Der andere erfährt also wieder, welche Konsequenzen sein Verhalten hat, OHNE dass er dafür verantwortlich gemacht wird. Denn du willst, dass das Hin und Her aufhört, weil du dich nicht verarscht fühlen möchtest. Heißt, du trittst dafür ein, dass es dir gut geht, statt dem anderen etwas vorzuwerfen und ihn verantwortlich für dich zu machen.

Vorwurf wäre zu sagen: „Mal meldest du dich, mal nicht, du verarscht mich doch.“ Oder: „Weil du dich mal meldest oder nicht, will ich jetzt, dass das aufhört.“

Der andere wird also schuldig gesprochen. Damit stellst du dich über ihn. Augenhöhe ist so nicht mehr möglich. Die Wahrscheinlichkeit, dass sein verletztes Kind aktiv oder noch aktiver wird, ist hier recht groß. Es ist gut möglich, dass er sich dann gar nicht mehr meldet, weil er befürchtet, auch auf Dauer für deine Befindlichkeit verantwortlich gemacht zu werden.

Wenn du dich fragst, was es mit dir macht und dann feststellst, dass du das so nicht willst, dann entscheidest du dich für dich und übernimmst Verantwortung. Jetzt sieht der andere, dass sein Verhalten Konsequenzen hat und kann sich nun überlegen, ob er dagegen etwas unternehmen will. D.h. mit der Verantwortung, die du für dich übernimmst, betrittst du nicht nur die Ebene der Augenhöhe, du lädst den anderen auch ein, mit auf diese Ebene zu kommen.

Wenn er ernsthaftes Interesse an dir und an einer Begegnung auf Augenhöhe hat, wird er das tun.

Im Grunde klingt das alles ja recht einfach, wie das so geht mit der Beziehung auf Augenhöhe. Ist es auch, wenn wir eine liebevolle Beziehung zu uns selbst aufgebaut haben. Diese ist die Grundvoraussetzung für eine Beziehung auf Augenhöhe.

Die Frage ist also, wie kannst du eine liebevolle Beziehung zu dir selbst aufbauen. Die Antwort auf das Wie ist da eigentlich immer gleich. Es geht darum, die negativen Glaubenssätze aufzulösen und sich den alten Emotionen aus der Vergangenheit liebevoll zuzuwenden, sprich in Kontakt mit dem Inneren Kind zu kommen.

Was sich unterscheidet ist die Frage, wie es dazu gekommen ist, dass du nicht in liebevoller Beziehung zu dir selbst bist und dich deshalb in Beziehungen mit Männern wiederfindest, in denen du dich emotional abhängig fühlst und dich selbst nicht wirklich lieben kannst.

Die Antwort findest du in deiner Ursprungsfamilie, wenn du da in einem Elternhaus mit narzisstischen Zügen oder gar Störungen aufgewachsen bist, liegen ganz bestimmte Gründe vor, die in anderen Ursprungsfamilien eher nicht zu finden sind.

Bist du als Kind um deiner selbst willen geliebt worden? Oder nur für deine Leistungen und für das, was du getan hast? Wenn letzteres der Fall ist, wirst du hier Antworten finden, warum du dich emotional abhängig fühlst und es dir schwerfällt, dich selbst zu lieben. In meinem nächsten Blogartikel erfährst du mehr darüber.

Ich freue mich, wenn dir mein Artikel hilft, die Ebene der Augenhöhe mit dem andern zu betreten und du mit ihm in eine fließende Verbindung wie in der liegenden Acht treten kannst.

Erzähle mir gerne von deinen Erfahrungen hier im Kommentar oder stelle mir deine Fragen.

Ich freue mich auf dich!

Herzliche Grüße

Deine Jivana

 P.S.: Möchtest du eine liebevolle Beziehung zu dir aufbauen und dich in Beziehungen auf Augenhöhe üben? Dann wird dir mein Inneres Kind Coaching da eine große Unterstützung sein. Am 19. Oktober 2020 starten wir wieder für 6 Wochen und machen uns gemeinsam auf die Reise zur Liebe deines Lebens!

Hier kannst du dich anmelden: https://liebe-lernen.online/inneres-kind-coaching

Foto: www.canva.com

Jivana Lohr

Coach für The Work of Byron Katie (vtw)

Spirituelle Trainerin (Sammasati)

Gründerin von Liebe lernen